Hitler hat die Mauer gebaut

Oder – Wie sage ich denn nur!?

Kommunikation fiel mir noch nie leicht. Darin steckt eine groß Ironie, denn seit ich mich erinnern kann, möchte ich nichts sehnlicher als das: andere Menschen zu erreichen, ihnen mit zu teilen was ich sehe, oder zu sehen glaube. Seit einer Weile bin ich in der Position genau das zu sollen. Ein Traum wird für mich wahr, ich werde ein Paar mal im Monat dafür bezahlt, Leuten Berlin zu zeigen.

Französischer Dom in Berlin beim Festival of Lights 2011: von AvdaIm Honorarvertrag seht die Tätigkeit: “Stadtbilderklärer*in”. Das “*in” habe ich dazu gedichtet, und da geht es schon los. Darin zeigt sich mein allgegenwärtiges Problem. Ich kann Dinge nicht einfach so stehen lassen wie sie oft (für mich zu oft) hingestellt werden. Auch fühle ich mich zum erklären gar nicht berufen. Moderieren oder (ver-)mitteln vielleicht. Zur Unterstützung der Arbeit gibt es einen Manuskript, in dem angeregt wird, wie man moderieren könnte. Darin werden Sätze nach dem Muster formuliert, wie “Das ist der Gendarmenmarkt! Der Französische Dom ist von Gontard!”

Nun stellt sich für mich die nächste Hürde. Jener Dom, der zudem nie einer war, wurde am 7. Mai 1944 zerstört. Was die Touristen sehen, ist eine zwischen 1981 und 1987 in der DDR errichtete Replik, die dem Gontardbau zum Verwechseln ähnlich sieht. Zu dem ist der Platz weder ein Markt, noch gibt es dort noch die Stallungen der leichten Infanterie, des Kürassier Regiments, der sogenannten “Gendarmes”, von denen der Platz seinen Namen (der Letzte in einer langen Reihe) von vor 1945 hat(te). Bis nach 1989 hieß der Platz “Platz der Akademie” nach dem ersten Haus am Platz, das nach 1945 wieder instand gesetzt wurde.
The Kaiser Wilhelm Memorial Church in Berlin-Charlottenburg: von Ralf RoletschekWas tue ich denn da!? Wenn ich das so darstelle, schmollen nicht wenige oder hören weg. Okay, das war vielleicht mehr Information, als man / frau im Urlaub verdauen wollte. Sei es darum.

Den Kontrast bietet der Breitscheid Platz. Hier steht im Skript in etwa, “Das ist unser hohler Zahn: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche von Egon Eiermann.” Es fehlt gerade noch eine Bemerkung zur Einleitung wie, “Das ist weder Kunst, noch kann es weg … ” um diesen abfälligen Ton noch zusätzlich zu verdeutlichen. Auch so gibt es oft höhnisches Gelächter aus den Sitzreihen, und nicht selten Kopfschütteln und Bemerkungen wie, “Ach, hätten sie sie doch wieder aufgebaut. Sie war doch so schön!”

Es kommt mir gelegentlich so vor, als wäre das 20. Jahrhundert in den Köpfen vieler Menschen nicht passiert oder wenn, dann in der erwartungsvollen Hoffnung, dass danach alles wieder so werden würde oder werden sollte wie davor, beziehungsweise so, wie das was davor war in Phantasie mancher aussehen mag.

“Woher kommt diese, aus meiner Sicht, selbst-verneinenden Haltung?” frage ich mich.

So habe ich Detlev Pechs Vortrage über Zeitgeschichte und Pädagogik sehr genossen, auch wenn er hier über den Umgang mit dem Schulunterricht spricht. Ich fühlte mich an eine Begebenheit mit einer erwachsenen Kundin erinnert, als er berichtete, ein Kind hätte behauptet, Hitler habe die Berliner Mauer errichtet. So ähnlich sah das auch die Kundin nur, dass es für sie das Brandenburger Tor war den jene Person erbaute.

Prof. Dr. Detlef Pech: Einführungsvortrag zur Tagung “Anne Frank, die Mauer und ich”

Berlin ist eine Stadt, die, wie wenige andere dieser Welt, das 20. Jahrhundert exemplifiziert. Kie soll ich Leuten ermöglichen die Stadt zu sehen, die hier ist, statt der Stadt nach zu trauern, die vermutlich nie existierte, und, wie ich meine, erfreulicherweise nie wird existieren können?
Bei der Beantwortung der Frage muss ich versuchen einen Satz von Heinz Bude zu verinnerlichen. Bude sagte in einer Diskussion über die Begegnung von Rechtspopulismus im Alltag, er denkt, es geht bei der Anziehungskraft der Rechten Rhetorik im ersten Moment um den individuellen Umgang mit Angst und Ungewissheit. Am besten begegne man / frau Angst und Ungewissheit in dem man / frau selber lernt mit diesen Regungen bei sich um zu gehen, dann diese bei Anderen ernst zu nehmen und nicht lächerlich zu machen. Den Menschen zu sagen ihre Ängste seien unbegründet, führt nicht dazu, dass sie weniger Angst hätten. Angst und Ungewissheit stören mich nur wenig. Am zweiten Teil der Übung muss ich noch arbeiten!

Bild oben: Französischer Dom in Berlin beim Festival of Lights 2011: von Avda – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0. Datum: 23 Okt 2011. URL: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21818795. Zuletzt überprüft: 19 Jun 2017.

Bild unten: The Kaiser Wilhelm Memorial Church in Berlin-Charlottenburg: von Ralf Roletschek roletschek.at – Own work, GFDL (Achtung: Dieses Bild ist nicht gemeinfrei. Es ist zwar frei benutzbar aber gesetzlich geschützt). Datum: 3 Mar 2005. URL: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=414928. Zuletzt überprüft: 19 Jun 2017. Please note: This file has been released under a license which is incompatible with Facebook’s licensing terms. It is not permitted to upload this file to Facebook.

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