Vignette 6

Vignette Nr. 6

Gelegentlich trifft man/frau auf sein anderes ich.

Depressionen und Entfremdung begleiten mich seit dem Tag in meinem Leben als es einen lauten Knack tat, und ich plötzlich kein Kind mehr war.”

Spät Nachts stieg am Kotti jemand mit mir in die U1 ein so, als hätte meine eigene Traurigkeit und Wut sich von mir losgelöst um mir als eigenständig Person hinterher zu laufen. Zu meinem Entsetzen, sprach er mich auch an.

Es vergingen zwei Tage bis ich mit jemandem darüber sprechen konnte, dann schrieb ich einem Freund …

Subway symbol U1 of the Berlin subway system.19.11.2016

Ich bin in der Bahn jemand begegnet, als wäre er für mich dorthin bestellt worden.
Er lief blutend und weinend durch die Bahn und sprach alle an, ob sie ihn bitte töten würden, er sei es Leid zu leben. Er wirkte wütend. Seine sprach war undeutlich und laut. Er hielt eine angetrunkene Bierflasche, die wenn er schwankte überschwappte. Das ruckeln der U1 tat sein übriges um aus ihm ein Monster zu machen. Die Fahrgäste fürchteten sich. Ich auch.

Er merkte nicht dass er sich irgendwann mit dem Rücken an mich lehnte und ich somit zwischen Trennwand und geschlossener Tür und seinem Rücken fest steckte. Ich sah keine Notwendigkeit die Situation zu ändern. Sein Schwanken fing ich damit etwas ab, und am allerwenigsten Angst hatte ich vor seiner Rückseite.
Irgendwann bemerkte er mich hinter sich, entschuldigte sich, und unsere Augen trafen sich. Ich zuckte mit den Achseln nur und sagt, “Es ist doch nichts passiert. War doch okay.” Dann fing er an mir seine wütende, angewiderte, traurig Sache zu erzählen. Jedes seiner Sätze hätte von mir sein können, mit dem Unterschied, dass ich nicht so krank, verzweifelt, und allein bin. Es war als hätte sich das Sinnbild meiner Depression aus mir gelöst für einen Moment, um vor mir zu stehen und mir dessen Sicht zu schildern.

Je länger ich zuhörte, desto weniger emphatisch wurden die Worte meines Gesprächspartners. Gelegentlich machte der Wagon seine typischen Kapriolen und wir bekamen beide etwas von seinem Bier auf die Kleidung. Nichts ungewöhnliches auf der Linie. Er entschuldigte sich regelmäßig dafür, ich zuckte mit den Achseln. Er redete weiter. Wir waren ja unter uns, nur mit 100 Anderen, die froh waren, dass sie ihn jetzt ignorieren durften.
Nichts desto trotz war ich ebenso froh als U-Bahnhof Kurfürstenstraße ausgerufen wurde. Ich hatte noch gehörig Respekt vor seiner Wut und Verzweiflung, und war mir sicher unser Gespräch hätte abendfüllend werden können. Ich wollte nur nach Hause, dahin zurück wo ich mich sicher fühlte, und versuchte mir einzureden, effektiv “geholfen” konnte meinem neuen Freund nicht mehr,einen Teil hätte ich getan. Ich hatte zugehört, ihn ernst genommen, und meine Angst vor ihm, ob nun begründet oder nicht, so gut wie mir möglich versucht vor ihm zu verbergen.

Die Tür ging auf. Ich sagte ich müsse aussteigen. Er sah mich zärtlich an, sagte “Bleib so wie du bist,” und hielt mir die Faust zum Abschied hin. Wir drückten die Fäuste gegeneinander, sahen uns noch einmal in die Augen. Er fuhr weiter, und ich stieg in die nächste M85 zu mir, wo mein Partner sich gerade ins Bett gelegt hatte. Er wurde mit einem verschlafenen “Wars schön, Hase?” kurz wach, schlief dann weiter.
Schön? Ja, doch es war schön.

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